Search:
Advanced Search
 
0 Likes
Posted: 12-Dec-2016 - 0 comment(s) [ Comment ] - 0 trackback(s) [ Trackback ]

Dann sah ich sie

Wir hatten allerhand getrunken. Und hatten uns Geschichten aus unserem Leben erzählt. Wahre Geschichten und, was mich betraf, erfundene, aber so lebensnah erfundene, dass sie der Wahrheit nahekamen. Christof war ein Mann um die Sechzig. Er sah älter aus. Er sah, sagte er, immer älter aus, als er war. Er hatte als Kind und Jugendlicher Schlimmes erlebt. Er war mit seiner Familie aus dem Kriegsgebiet entkommen, aber was er gesehen hat, das hat er nur angedeutet. Nur dass er als Einziger überlebt hat. Danach war er in die Hölle der Gefangenen- und Straflager geraten.

„Wir waren gleich nach der Verhaftung getrennt worden. Die Frauen wurden erst von den Männern getrennt, dann die erwachsenen Männer von den Jugendlichen. Wir wussten nicht, was aus den anderen wurde. Wir hörten von Entlassungen. Wir wussten von Hinrichtungen. Wir, die Jungen, wurden nicht entlassen und nicht hingerichtet. Wir saßen weiter in diesem beschissenen Lager und warteten. Aber auch für uns hatten sie sich etwas Teuflisches ausgedacht. Wir wurden auf dem Appellplatz zusammengetrieben, wenn wieder einmal Hinrichtungen anstanden. Aber nicht alle, sondern ausgewählte Gruppen. Und in der Auswahl lag eine besondere Bosheit. Einmal trugen Kameraden meinen Bettnachbarn Michael zurück in die Baracke. Er war während der Hinrichtung, bei der er zuschauen musste, zusammengebrochen. Er hatte die Erschießung seiner eigenen Mutter erleben müssen.“

„Hat es dich auch betroffen?“

„Das Perfide war: Man war jedes Mal in Angst, wenn man zu Hinrichtungen befohlen wurde. Würden Angehörige betroffen sein? Das war nämlich nicht jedes Mal der Fall. Ich selbst musste fünfmal antreten und zusehen, wie Frauen erschossen wurden.“

„Warum nur Frauen?“

„Es gab keine Männer in diesem Lager. Nur Frauen und Kinder. Und Jugendliche, wie mich. Und von denen nicht viele. Die meisten Jungs über Vierzehn waren an Ort und Stelle umgelegt worden. Die kamen gar nicht erst ins Lager.“

„Wie alt warst du?“

„Hab meinen sechzehnten Geburtstag im Lager verbracht, gefeiert würde ich nicht sagen. Es war grausam für einen jungen Mann, sich das ansehen zu müssen. Da waren junge Mädchen darunter, so alt wie wir, sogar jünger. Mädchen, mit denen wir unter anderen Umständen angebandelt und rumgeknutscht hätten.

„Und mit ihnen geschlafen.“

Christof lachte heiser auf. „Da wussten wir noch gar nicht, wie das geht. Aber du hast Recht, der eine oder andere von uns schlüpfte durch die Maschen ins Frauenlager. Und wenn er Glück hatte wurde er von einer der erwachsenen Frauen, wie sagt man, eingeführt …“

„Eingeführt ist gut …“

„… in die Geheimnisse der Liebe. Es kam vor, dass einer von uns Jungs zusehen musste, wie eine Frau erschossen wurde, die seine Liebeslehrerin gewesen war. Das ist ganz schön beschissen. Du spürst noch, wie sich ihre Fotze anfühlt, wie herrlich warm und weich und glitschig sie war, wie sie roch und wie sie schmeckte, dann siehst du, wie die Frau von Kugel zerrissen wird und weißt, dass du diese warme Fotze nie wieder um deinen Schwanz spüren wirst. Wir waren doch so jung und das waren unsere ersten Erfahrungen. Weißt du, was mir am meisten zu schaffen macht? Wofür ich mich mein ganzes Leben schäme?“

„Hast du auch deine erste Frau verloren?“

„Schlimmer. Ich wurde mit einer Gruppe von Jungs zum sechsten Mal zu einer Hinrichtung befohlen. Ich zitterte vor Angst, dass meine Liebeslehrerin dabei sein könnte. Dann sah ich sie. Drei nackte Frauen wurden zu den Pfählen geführt. Bevor ich ihr Gesicht sehen konnte, erkannte ich sie an ihrem Gang, an der Form ihrer Oberschenkel, ihrer Waden. Ihre Oberschenkel, sie sie immer zu dick fand, und ihre Waden, die sie für zu plump und unförmig hielt. Mit jedem Schritt, den sie machte, vibrierte ihr Fleisch. Es traf mich wie ein Blitzschlag in den Unterleib. Es war nicht meine Liebeslehrerin. Meine Mama wird erschossen werden, sie wir vor meinen Augen sterben. Meine Mama! Mit einem Mal war ich erregt wie niemals zuvor. Ich verstand nicht, was es mit mir machte. Was ‚es‘ überhaupt war. Mein Glied wurde mit einem Schlag steif, wuchs und wuchs, als wollte es über meinen Hosenbund hinauswachsen. Das bebende Fleisch meiner Mutter, das ich hundertmale gesehen hatte, zu Hause im Bad, am FKK-Strand, im Garten, wenn sie leicht bekleidet, manchmal kaum bekleidet an ihren Pflanzen herumpusselte. Nie hatte es mich besonders interessiert, geschweige denn erregt. Es war ja immer da gewesen, seit ich klein war. Es gehörte immer zu meinem Leben, war nie das Andere, was man begehrt. Jetzt war alles anders. Jetzt war es das Andere. Jetzt war es das Begehrte, was mir genommen werden sollte. Für immer. Ich sah sie die letzten Schritte zum mittleren Pfahl gehen, den Kopf gesenkt, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Ihren Hintern und ihre Schenkel sah ich zunächst nur von der Seite. Mein Schwanz wuchs noch immer. Ich fasste ihn mit der linken Hand und begann ihn zu kneten. Mit der rechten Hand hielt ich mir den Mund zu, um nicht laut zu schreien. ‚Mama, Mama, stirb nicht! Geh nicht weg. Liebste Mama. Stirb nicht. Ich liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!‘ Im Rhythmus des ‚Ich liebe Dich!‘ begann ich meinen Schwanz zu rubbeln. Und das ‚Ich liebe dich‘ hatte nicht mehr die Bedeutung, die der Satz üblicherweise zwischen Mutter und Sohn hat.“

Christof schaute mich nicht an, nahm einen Schluck aus seinem Glas. Ich sah, dass er mit sich kämpfte, ob er weitererzählen sollte. Ich schwieg, überließ ihm die Entscheidung. Er fuhr fort.

„Während ich zusah, wie Mama von einem Büttel an den Pfahl gedrückt und um eine Vierteldrehung uns, den unfreiwilligen Zeugen, zugewendet wurde, überschwemmte mich eine Woge von Gefühlen. Ich sah jetzt auch ihr Gesicht, sah ihre nackten Brüste, deren Kleinheit sie immer etwas bekümmert hatte. ‚Wenn mein Busen so wachsen würde wie mein Arsch, könnte ich zum Film gehen‘, hatte sie immer gesagt. Jetzt stand sie mit dem Rücken zum Pfahl; der Büttel hatte ihre Handschellen gelöst, ihre Arme hinter dem Pfahl erneut gefesselt. Sie atmete schwer. Und ich wichste meinen Schwanz. Ich sah an der Muskulatur ihrer Beine, dass sie sich mit dem Arsch gegen den Pfahl drückte. Ich schaute fasziniert auf das Muskelspiel und rieb meinen Schwanz. Ich starrte auf ihre lockende Mitte, die mir einst das Leben gegeben hatte, auf das haarige Dreieck. Und wichste meinen Schwanz. Ich sah wie sie ihre Beine leicht bewegte. Vor Nervosität? Ich wichste. Sah auf die zurückgebogenen Oberarme, die hilflos an den Fesseln zerrten. Und wichste. Alles hatte jetzt eine andere Bedeutung. Ihre Waden, ihre fülligen Oberschenkel, ihr Geschlecht. Ihr breithüftiger Unterleib, die fleischigen Beine, ihre kleinen Brüste, deren Warzen hart wurden und deren dunkelbraune Areolen sich zusammenzogen, die Arme, der Hals – alles was die Henkersknechte mir präsentierten, hatte jetzt eine andere Bedeutung. Es rief nach mir. Es rief nach mir als Mann. Es wollte gefickt werden. Von mir gefickt werden.“

Er unterbrach sich, schneuzte in sein ziemlich großes und ziemlich dreckiges Taschentuch. Christof zitterte leicht. Ich merkte, dass er diese Minuten, Sekunden durchlebte, wie er sie sein ganzes Leben immer wieder durchlebt hatte. Aber ich merkte auch, er würde nun nicht mehr aufhören und die Geschichte erzählen bis zum Schluss.

„Ich weiß, dass noch andere ‚Zeugen‘ da waren, ich bemerkte es nicht. Dass noch zwei andere Frauen an die Pfähle gebunden wurden, ich bemerkte es nicht. Später sagte man mit, da war ein ganz junges, dickes Mädchen und eine schlanke blonde Frau mit langen Haaren. Ich hatte kein Auge für sie, ja, es tut mir leid, dass sie sterben mussten, aber ich starrte nur auf Mama, wie ihre kleinen Brüste sich hoben und senkten, wie ihr großer, weißer, schon etwas schlaff gewordener Bauch mich regelrecht blendete. Wie ihre Beine zu zittern begannen. Sie blickte sich um, als wollte sie unter den Zeugen bekannte Gesichter entdecken. Kurz bevor ihr Blick mich erreichen konnte, band ihr ein Büttel die schwarze Binde vor die Augen. Dann hörte ich das Kommando ‚Achtung!‘ Hörte das Klicken der Gewehrverschlüsse. Hörte das Kommando ‚Legt an!“. Wusste, dass meine wunderbare, begehrenswerte, zärtliche, weiche, liebe Mama nur noch Sekunden leben würde. Ich konnte ihre Augen nicht sehen, aber ich sah in ihrem Körper das Entsetzen vor dem letzten, unumkehrbaren Moment. Das Kommando ‚Feuer!‘ ging im Krachen der Salve unter. Wie in Zeitlupe nahm ich alles wahr. Sechs kleine dunkelrote Punkte bildeten sich auf ihrer Haut, zwei auf ihre linken Brust, drei auf ihrem Bauch und einer auf dem rechten Oberschenkel. Ich sah, wie das Fleisch erzitterte unter den Schüssen. Ich spürte, wie mein Schwanz eine ungeheure Menge Samen ausstieß. Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel Samen überhaupt produzieren konnte. Ich sah wie ihr Körper sich aufbäumte, wie ihre Oberschenkel sich strafften, wie sie versuchte, sich gegen den Pfahl zu drücken und aufrecht stehen zu bleiben. Ich sah, wie sie fast gleichzeitig erschlaffte und niedersank – als sei das Aufbäumen, Verkrampfen und Zusammensacken ein einzige verzögerte Bewegung Sah, wie die kleinen Flecken auf ihrem Körper größer wurden, wie sie daraus blutete. Ihre Knie knickten ein, sie rutschte am Pfahl herunter, drehte sich dabei etwas auf die Seite, sie fiel auf ihr linkes Knie, das rechte Bein blieb angewinkelt, mit so gespreizten Beinen sackte sie zusammen. Ich starrte auf ihr Geschlecht. Ein Büttel trat vor sie, und schoss ihr mit einer Pistole in den Kopf. Ich konnte den Blick nicht von ihr wenden. Mamas abgewinkeltes rechtes Bein verharrte in dieser fast aufrechten Position auch im Tod. Das weiche, weiße Fleisch, die Innenseite ihres Schenkels, die wie eine Einladung auf ihr Geschlecht wies – diesen Anblick würde ich nie vergessen. Und habe ihn nicht vergessen.“

Christof trank sein Glas leer. Stellte es ab und schaute auf seine linke Hand.

„Meine Hand war voller Sperma. Meine jämmerliche Kluft war bespritzt und befleckt, aber darauf kam es dann auch nicht mehr an. --- Jetzt wissen Sie, wofür ich mich schäme. Im Moment ihres Todes war mein sehnlichster Wunsch, mit meiner Mutter zu schlafen. Ich habe das bei keiner Frau, die ich kennenlernte, vergessen können. Irgendwann habe ich sie alle dazu gebracht, so zu sitzen, wie ich meine Mutter zuletzt zusammengesunken am Pfahl sitzen sah, die leuchtende Innenseite ihres Oberschenkels mir zugewandt. Ich habe gehofft, das würde mich heilen. Es hat mich nicht geheilt. Ich habe gehofft, wenigstens die Erregung würde sich auf das neue ‚Objekt‘ übertragen. Auch das geschah nicht. Geschah niemals.“

Wir tranken noch einen. Und dann noch einen. Christof sagte nichts mehr. Ich auch nicht. Was hätte ich auch sagen sollen. Zu einer Erfahrung, die alles Menschliche übersteigt. Zu einem Grauen, das unmenschlich ist. Ich drückte ihm zum Abschied die Hand. Fast feierlich. Ich glaube, es war für den alten Mann so etwas wie eine Absolution. Er lächelte, als er sich umdrehte und ging.

Delicious Digg Facebook Fark MySpace